In Istanbul

Im ersten Moment höre ich ihm gar nicht richtig zu. Er erzählt was vom Basar. Klar, wollen wir hin. Er berichtet von den Händlern und wie wir am günstigsten an die begehrten Stücke kommen. Bloß nicht gleich beim ersten kaufen. Desinteresse signalisieren. Jederzeit. Ich fange gleich damit an. Denke an Zitronenpfeffer, den ich mit nach Hause bringen soll.

Vielleicht ja auch noch was Scharfes für den Gatten?

Mitten in Chili-Gedanken höre ich auf einmal was vom Handeln. Stimmt, oh je. Feilschen um Preise? Kommt mir komisch vor. Was ist angemessen? Und was zu viel? Da kann mir der Hotelmanager noch so eindringlich erklären, dass die es zum Kaufvorgang gehört wie das Bezahlen. Doch während ich innerlich das heimische Gewürzregal befülle, wird mir bewusst: Shopping. Durchaus mein Ding. Vier Tage lang durch Istanbul flanieren und ohne Seidenschal oder Pluderhose nach Hause fliegen? So viel Safran passt gar nicht in den Koffer, dass mir das gefallen würde.

Also Tee trinken, zuhören.

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Ich merke mir die Grundregeln. Einen Preis nennen lassen. Die Hälfte davon bieten. Sich irgendwo in der Mitte einigen. Muss ja nicht genau die Mitte sein. Okay, das krieg ich hin. Nicht zwischendurch aufgeben, schärft er uns mit der Geduld eines Fußballtrainers ein, und nie, also wirklich nie den geforderten Preis bezahlen. You don‘t want them to think you are… Er spricht nicht weiter, sieht zum ersten Mal verlegen aus. An idiot? Frage ich und schau ihn an. Er schaut zurück. In seinen Mundwinkeln liegt die Andeutung eines Lächelns.

Mein Kampfgeist ist erwacht. Kommt ihr, ihr Händler, ich feilsche euch in Grund und Boden.

Gelegenheit ergibt sich schnell. Am nächsten Tag geht‘s zum Basar. Vielleicht ein Schal? Die Auswahl groß, die Zahl der Händler auch. Und nicht so teuer, falls man sich doch ins Schicksal fügt. Augen zu und durch. Ein erster kurzer Blick und er hat uns am Wickel. Schau mal hier diese Farbe, Kashmir, handgestickt. Desinteresse zeigen!! Ruft mein Kurzzeitgedächtnis mir zu. Ja, ganz hübsch, aber eigentlich… Schau das Material, so wunderbar weich. Gleichgültig wirken!! Schreit der innere Trainer mich an. Was soll er denn kosten? Frage ich so beiläufig wie möglich. Maximal die Hälfte!! Raunt das Gedächtnis hinterher.

100 Lira. Mir stockt der Atem. Selbst für 50 will ich das Ding nicht haben. Schau die Farben, Kashmir, handgestickt. Plötzlich egal. Aber handeln könnt ich üben. 50 sag ich probeweise. Und warte auf ein Gegenangebot. Schau die Farben, Kashmir, handgestickt. Die Lobpreisungen sind ausgeschmückt. 170 Lira hör ich dann plötzlich. Und mecker mein Kurzzeitgedächtnis an. In die falsche Richtung gehandelt? Doch er beharrt. Aber gerade waren es noch 100… Verwirrt sehen wir jetzt beide aus.

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Ich schleiche davon, suche was Leichteres. Baumwolle. Schau die Farben, aber kein Kashmir. Der Schal gefällt. 10 Lira raunt der Händler mir gelangweilt zu. Ich bin überrascht. Will kaufen, nicht denken. Doch das Idiotenwort hängt mir im Ohr. Ich sag: 5? Und denke noch: So wenig? Er schaut mich ungläubig an und schüttelt den Kopf. Nimmt den Schal unsanft aus meiner Hand und dreht sich um. Billiger ginge nun echt nicht, murmelt er noch ärgerlich vor sich hin. Und noch was andres hinterher.

Ich hab‘ Sehnsucht nach nem H&M.

Die Reisegefährtin übernimmt die Führung. Zielstrebig zur pinken Auslegware. Sie lässt sich reinziehn, mich notgedrungen mit. Es ist das Stück der Wahl, doch noch zu groß. So wird gezogen und gezerrt, verhandelt und gepreist. 630 Lira stehen im Raum. Ein zweiter Händler mittlerweile auch. Sie wolle nicht mehr ausgeben als 4… Ich fahre ihr über den Mund. Entgeistert, dass sie ihr Maximum verrät. Ich theoretische Expertin der Basarspielregeln.

Doch die 4 ist raus. Und meine Reisegefährtin bleibt eisern. Auf 450 geht sie hoch, doch dann ist Schluss. Ja, ja, sehr schön die Fotos der Händlerstochter, doch mehr wolle sie nicht ausgeben. Ja, ja, es wäre dann eine Maßanfertigung, doch das Budget nun ausgereizt. Oh ja, eine Lieferung ins Hotel wäre großartig, aber sie müsse dann wirklich noch mal woanders schauen. Ein Ringkampf. Und die schlanke Frau mit Zauberkräften ringt zwei Riesen nieder. Sie geben auf. Entkräftet von so viel Beharrlichkeit. Die Lieferung gibt‘s trotzdem noch.

Mein Kampfeswille ist kurz entfacht. Ich sehe erneut den begehrten Schal. Ein andrer Händler wacht darüber. Die Reisegefährtin hat es vorgemacht: Nicht alle eingeschärften Regeln führen zum Ziel. Die eigenen vielleicht schon eher. Mein innerer Handelstrainer schweigt. Ich frage unvermittelt nach dem Preis. 20 Lira will er haben. Die Hälfte davon und ich wäre beim Erstangebot von zuvor. Eingeschüchtert frage ich nach einem Rabatt, mit Zahlen hab ich‘s nicht mehr so. Wir reden übers Wetter, Berlin, die Deutschen, das schöne Istanbul. 15 Lira, okay?

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Zwei Tage später. Die pinke Auslegware erreicht die Unterkunft. Die strengen Augen des Hotelmanagers blicken erstaunt. Das Schnäppchen der Reisegefährtin ist wirklich eins. Seine Trainingsmethoden – wirklich so gut?

So billig kommt kaum einer davon, sagt er erstaunt, wie hat sie das geschafft?

Das kann nicht jeder, sage ich. Und lockere den Schal um meinen Hals.

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