In Duisburg

Ruhrpottperle? Echt nicht. Bei der Ankunft sind wir der Dunkelheit fast dankbar für alles, das sie verhüllt. Der schon zur Tatortzeit ausgestorbene Bahnhofsvorplatz. Die Autobahn direkt vor der Nase. Die viel zu breit geratene Fußgängerzone. Füllt sie sich wohl jemals vollständig mit Menschen?

Verwaist, verwaschen. Bonsoir tristesse. Echt jetzt.

Im Hotel wäre man im ersten Moment für ein bisschen weniger Licht dankbar. Vielleicht hätten wir doch das Überteuerte in Düsseldorf nehmen sollen. Altes Westdeutschland. Man möchte ihn meiden, den Begriff. Würde er nur nicht so gut passen. Der Teppich ist sicher viel älter als wir selbst. Es riecht seltsam.

Wie gut, dass wir hier nur schlafen müssen.

Übermüdet von der Party am Abend zuvor, den ersten Messestunden und dem doppelten Umweg über die Autobahn treten wir an die Rezeption. Freundlichkeit umhüllt uns schnell. Ob wir gut hierher gefunden haben? Hm, na ja. Gleich scheint es, als wolle er der Stadt die Schuld für unsere Orientierungslosigkeit geben. Wir treffen ihn noch drei Mal an diesem Abend. Das Zimmer wurde gewechselt, etwas zu essen gesucht. Gleichbleibend war nur sein offenes Lächeln.

Ruhrpottperle? Hm.

Noch finden wir das nicht verdächtig. In Freundlichkeit geübtes Hotelpersonal, kennen wir doch. Und dann noch in dieser kargen Umgebung, selbsterklärend. Mit keinem hat der Rezeptionist an diesem stillen Abend in der leeren Stadt wahrscheinlich mehr gesprochen als mit uns, denke ich. Vielleicht ist seine Freundlichkeit auch ihm geschuldet – dem Wissen, in den nächsten Stunden wieder vor allem mit sich selbst sprechen zu müssen.

Kleines Zimmer, traumloser Schlaf, der erste Blick aus dem Fenster: Hinterhof. Nicht charmant, nicht romantisch. Hinterhof. Auch der weitere Ausblick offenbart nichts Ermutigendes. Der Fernsehturm sieht einsam aus. Ebenso die Straße auf dem Weg zum Bahnhof. Wir sind feige und steuern die vertraute Kaffeekette an. Ich kann mich an der Törtchentheke nicht zwischen dem Ding mit Zimt und dem mit Himbeeren entscheiden. Wir diskutieren noch ein bisschen rum, während zwei andere Kundinnen den Laden betreten. Brav stellen sie sich an der Kasse an.

Endlich entschieden treten wir hinter sie. Und zucken fast zusammen, als das Mädchen in Pole Position sich umdreht, uns anspricht. Kurzfristig bin ich abgelenkt von den Piercings, dem Fanschal, dem Engelsgesicht. Wir seien doch zuerst da gewesen, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Wir haben‘s nicht eilig, sie möge doch ruhig… Sie lächelt, nickt, bedankt sich. Bestellt einen schnellen Kaffee. Und wünscht uns zum Abschied einen schönen Tag.

Der kleine Junge im Kinderwagen vor uns erzählt in der Zwischenzeit was vom Kindergarten. Scheint, er würde gerne dorthin. Es stellt sich raus: Nur die große Schwester darf das schon. Er kann es kaum erwarten. Seine Mutter, nun in Pole Position, dreht sich um. Wir seien jetzt doch dran. Wir sehen uns verwirrt an. Doch, es ist ihr ernst damit. Wir winken noch mal ab. Keine Eile, sie möge doch ruhig… Sie dankt, holt Kaffee, schiebt in Richtung Kindergarten, den sehnsüchtig lächelnden Knaben voran. Auch sie wünscht einen schönen Tag, mit dieser ruhigen, ehrlichen und offenen Freundlichkeit.

Hier stimmt was nicht. Ruhrpottperle?

Wir sind dran. Und ein bisschen verwirrt. Von der Freundlichkeit oder der Auswahl? Wahrscheinlich von beidem. Zum hier essen oder mitnehmen, klein oder groß, aufwärmen oder nicht. Zwei Mal entscheiden wir uns um. Der junge Mann uns gegenüber nimmt‘s mit Humor. Vielleicht kennt er das schon. Ist ja auch alles nicht so einfach. Und mein Tee, so stellt er schließlich fest, sei ja auch heißer als der Kaffee des Gatten. Dass da gut abgewogen werden will, versteht er offensichtlich gut. Dass uns zehn Minuten später zum dritten Mal an diesem Morgen mit strahlendem Lächeln ein schöner Tag gewünscht wird, nehmen wir durchaus wahr. Denn laue Frühlingstemperaturen können nicht der Grund für außergewöhnlich gute Laune sein. Eisig schießt der Wind vorbei.

Das kann jetzt kein Zufall mehr sein. Echt nicht.

Auch der Gatte ist irritiert von so viel Freundlichkeit. Tun die hier was ins Wasser? Chemische Drogen in der Luft? Eine Fabrik in der Nähe, ein Werk am Fluss? Sein verwunderter Blick flackert umher. Scheint sich zu fragen, ob die Gefahr besteht, dass die anderen Passanten ihn auf einmal packen und anlächeln. Dass Musik einsetzt und sie mit ihm tanzen.

Duisburg, das Musical?

Wir wollen noch eine Flasche Wasser. Rein in den Laden, schnell an die Kasse. Dort sitzt ein junger Mann. Von der coolen Sorte. Hübsch. Schräge Frisur. Er zieht die Flasche über den Scanner. Schaut hoch, mich an. Es sei wohl ganz schön kalt, draußen, hm? Fragt er mit echtem Bedauern in der Stimme. Zwei Mal kurz blinzeln, mein fragender Blick. Ist es die Mütze, die verrät, oder doch das auffällige Reiben der Hände? Er versteht. An meinen Augen habe er es gesehen, sagt er mit einem Lächeln. Sicher, die Kalte Wind-Tränen, reichlich vergossen an diesem Morgen. Erstaunlich, kein einfacher Trick. Viele denken, ich würde weinen, sage ich. Aus Streit mit dem Gatten vielleicht. Er blickt zur Seite. Dem Gatten tief in die Augen. Prüfend. So sieht der nicht aus, entgegnet er dann. Mit einem Lächeln und sicherer Stimme. Der Gatte lacht, wir beide auch.

Das macht mir Angst, sagt der Gatte auf dem Weg zum Zug.

Das ist ne Ruhrpottauster, sage ich, die Perle steckt innen.

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