Allein in der Stadt

Anfang des Jahres startete ich ein Experiment: das Alleinsein in der Stadt. Nicht im Sinne eines Eremiten-Tums oder der Absage an Beziehungen und Freundschaften, sondern im Sinne von Solo-Beschäftigungen außerhalb der Komfortzone. Alleine ins Museum gehen, alleine die Einkaufsstraßen hinabbummeln, kein Ding. Aber was ist Beschäftigungen, bei denen wir es gewohnt sind, einen anderen Menschen um uns zu haben? Und es eben nicht gewohnt sind, sie alleine zu tun. Viele Fragen drängten sich auf: Warum machen wir diese Dinge eigentlich nicht allein? Fühlen uns seltsam, wenn wir alleine in eine Bar oder ein
Restaurant gehen? Sind wir uns selbst nicht Gesellschaft genug? Wird uns mit uns alleine etwa viel zu schnell langweilig? Und wo ist die Überwindung ganz besonders groß?

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Ich ging alleine in ein Restaurant (nicht nur zur Imbissbude) zur Mittagszeit, bewaffnet mit einer Zeitung. Und stellte fest: Das Essen schmeckt auch so, aber die Pause dauert deutlich kürzer als in schöner Gesellschaft. Ich besuchte alleine eine Bar und widmete mich nach der ausführlichen Beobachtung der anderen Gäste – ich war tatsächlich die einzige Solo-Besucherin – dann aber doch Gedanken an meine Arbeit (als Solo-Selbständige, ironischerweise). Denn ein bisschen seltsam erschien mir das Nippen an meinem Cocktail ohne Begleitung dann doch, vor allem mit so vielen Gesprächen um mich herum. Ich ging alleine auf Reisen nach Kopenhagen und fand es einerseits entspannend, meine Pläne nie mit einem Begleiter abstimmen zu müssen, der vielleicht andere Wünsche hat, und tatsächlich mal an jeder zweiten Ecke stehenzubleiben, um ein Foto zu machen. Andererseits vermisste ich es aber auch, Eindrücke nicht teilen zu können, außer vielleicht über soziale Medien, Inspirationen und Ideen für die Stadt vor allem aus mir selbst generieren zu können und zu müssen.

Tanzen finde ich einfach schöner mit mindestens einer anderen Person.

Viele Dinge fehlen noch auf der Liste. Das Kino zum Beispiel. Doch habe ich eine Freundin, die den Solo-Besuch hier so oft wagt, dass er mir keine Sorgen bereitet. Ein Abendessen alleine, auch noch nicht vollzogen. Peter Richter beschäftigte sich im SZ Magazin vor kurzem unter der Überschrift Einzelgangmenü damit, befasste sich mit den Gedanken an die gesellschaftliche Wirkung, der besten Beschäftigung dabei, der Tatsache, dass das in den USA mit dem Bar-Menü sehr viel einfacher ist als bei uns. Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass ich es jenseits des Atlantiks eher wagen würde, das Dinner mit mir alleine zu verbringen. Vor allem weil Einzelplätze dort viel eher vorgesehen sind. Die Hemmung ist hier noch relativ groß, je schicker, je größer. Auch die Fernreise habe ich alleine noch nicht gewagt. Wenn ich mir den Blog Pink Compass anschaue, der Frauen zum Alleinreisen ermutigen will, könnte man das aber hinbekommen. Obwohl ich dabei zahlreiche Länder ausschließen würde, in denen ich mich als alleinreise Frau nur bedingt wohl fühlen könnte. Klub- oder Konzertbesuch, noch keine Solo-Erfahrung bislang. Tanzen aber finde ich einfach schöner mit mindestens einer anderen Person, die ich kenne. Weihnachten? Noch nie alleine erlebt, aber nicht aus Angst. Ein Freund von mir aber schwärmt davon, am Heiligen Abend alleine durch die Stadt zu fahren – endlich hat er Berlin mal für sich und kann fantastische Fotos schießen, sagt er.

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Alleinsein kann ebenso Vorteile haben wie das Zusammensein – das zeigen auch Studien. Verheiratete, so heißt es zum Beispiel, leben länger als Menschen, die den Bund des Lebens nicht eingehen – kein Wunder, ist dann doch immer ein anderer Mensch da, der sich (gewollt oder ungewollt) um sie kümmert. Sie zum Arzt schickt, sie zum guten Essen ermahnt. Untersuchungen der TU Dresden sagen aber auch: Wir brauchen die Alleinezeit, um uns wohl zu fühlen.

Warum es uns so schwer fällt, bestimmte Dinge allein zu unternehmen, haben die Forscherinnen Rebecca K. Ratner (University of Maryland) und Rebecca W. Hamilton (Georgetown University) untersucht. In einer Kolumne für die LA Times und einem Youtube-Film sagen sie: Nützliche Dinge wie der Wocheneinkauf oder der Besuch im Waschsalon bereiten uns alleine keine Probleme, sobald es aber nur um die eigene Unterhaltung geht, schämen wir uns des Solo-Flugs, erwarten, dass andere Menschen uns seltsam finden. Dabei könne das allein sein, so sagen auch sie, durchaus glücklich machen: „having fun on your own (…) is an underappreciated source of happiness“.

Fürs Glück ist ein bisschen Alleinsein hier und da also mit Sicherheit nicht verkehrt. Zumal, wenn man etwas alleine macht statt es gar nicht zu machen. Also werde ich mein Experiment fortsetzen, als nächstes sind Abendessen und Kino dran. Vielleicht ja in Sevilla, da reise ich im November solo hin.

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